
Problemstellungen bei der Einführung von Pflegediagnosen
Situation vor Ort
Die Station 3 an der Neurologischen Klinik in Bad Neustadt an der Saale ist eine rehabilative Akutstation, deren Patienten direkt von der hauseigenen Intensivstation und vielen Akutkliniken aus dem ganzen Bundesgebiet rekrutiert werden. Das Aufgabengebiet der Station umfasst die Behandlung primär hirngeschädigter Rehabilitanten. Diese werden vor allem durch Unfallverletzungen, spontane Blutungen, Ischämien und sonstige chronische Erkrankungen verursacht. Zu den vertretenen Krankheitsbildern zählen:
· Schädel-Hirn-Traumen
· Kalottenfrakturen [Pschyrembel 1986: 825]
· Lokalisierte Kontusionsblutungen [Pschyrembel 1986:864]
· EDH (Epidurales Hämatom) [Pschyrembel 1986: 458]
· SDH (Subdurales Hämatom) [Pschyrembel 1986: 1617]
· SAB (Subarrachnoidale Blutung) [Pschyrembel 1986:1617]
· Apoplexia cerebri [Pschyrembel 1986: 105]
· cerebrale Tumorerkrankungen
· cerebrale Aneurysmablutungen [Pschyrembel 1986: 74]
Zu den Aufgaben der Pflegenden gehört neben dem rehabilitiven Anspruch auch die Überwachung der Patienten auf Anzeichen einer sekundären Hirnschädigung, dem Hirnödem, das je nach Lokalität zum Tode führen kann.
Zusätzlich befindet sich auf der Station eine Isoliereinheit, die ausschließlich für Rehabilitanten mit MRSA Infektionen (Multi Resistenter Staphylokokkus Aureus) vorbehalten ist. Sie erfolgt nach dem Prinzip der Umkehrisolation, um andere Patienten, Angehörige und das Personal vor der nur sehr schwer therapierbaren Infektion zu schützen.
Wirtschaftliche Aspekte
Das System der Pflegediagnosen muss zuerst verstanden, dann an die Situation angepasst und in der klinischen Praxis auf Validität und Integrität geprüft werden. Während dieses Prozesses wird die Anwendung eingeübt. Dabei ist zu beachten, dass zeitgleich zum normalen Arbeitsablaufes des Pflegepersonals nicht so einfach en passant die Pflegediagnosen erarbeitet und evaluiert werden können. Das ist dem Pflegepersonal auf Grund der angespannten Arbeitssituation nicht vermittelbar. Zuerst einmal erscheinen die Pflegediagnosen dem Pflegepersonal als zusätzlicher Verwaltungsaufwand. Erst im Endeffekt kommt es zu einer ökonomischeren und qualitativ höherwertigeren Pflege. [Friesacher 1999: 29f]
Peter König beschreibt in seinem Artikel [König, P. 2000a: 1] die positiven Auswirkungen des direkten Leistungsnachweises für die Träger der Institutionen durch die Pflegediagnosen, die sich letztendlich auch auf die Personalbedarfsberechnung auswirken dürften. Der einheitliche Konsens aller im Bundestag vertretenen Parteien ist ein deutlicher Sparansatz bezüglich der Gesundheitspolitik [AT1] []. Dadurch sind wir etwas skeptisch und sehen Pflegediagnosen eher als eine Möglichkeit, schlechtere Personalberechnungen zu verhindern.
Zeit
In der Praxis stellte sich schnell heraus, dass die Mehrbelastung während des Projektes und dem damit verbundenen höheren Zeitaufwand wohl das größte Hindernis bei der Umsetzung und Einführung von Pflegediagnosen darstellt. Ganz besonders, da durch diese Mehrbelastung Überstunden anfallen.
Finanzielle Folgen
Auch Pflegedienstleitungen sehen nicht immer sofort einen wirtschaftlichen Vorteil in der Einführung von Pflegediagnosen. Vor allem, da ihnen der hohe Schulungsaufwand der Mitarbeiter mit den damit verbundenen Kosten deutlich ist. Die Kosten setzen sich u.a. zusammen aus: PersonalkostenHonorarkosten des Schulungsleiters MaterialkostenAusgaben für neu anzuschaffende Dokumentationsmittel Kosten Arbeitsmaterialien.
Personalwiderstände
Hier zeigen wir die zu erwartenden Konfliktbereiche auf:
Ängste durch die Einführung von Pflegediagnosen
Nach unserer Vermutung werden folgenden Ängsten vorhanden sein: Angst vor.....
· Neuem
· Arbeitsüberforderung
· persönliche Überforderung
· vor Ausbeutung
· davor einer Utopie hinterherzulaufen
· vor zu großer Eigenverantwortung
· Verlassenheit
Diese Einschätzung bestätigten sich bereits in den Vorgesprächen, die wir mit der Pflegedienstleitung und der Stationsleitung führten. Wobei diese Formen der Ängste weitgehend im Projektverlauf bestätigt wurden. Die Projektmitarbeiter befürchteten anfangs eine Abgrenzung zu anderen Mitarbeitern innerhalb der Pflege, im laufe des Projektes, wurde dieser Punkt aber nicht mehr erwähnt.
Arbeitsüberlastung
Das Problem der Arbeitsüberlastung wurde von uns vermutet und auch beim Erstgespräch mit der Pflegedirektorin, Frau Manger bestätigt. Im Erstgespräch mit der Stationsleitung kam ebenfalls die Rede auf die von uns vermutete Arbeitsüberlastung. Der nicht sofort einsichtige Nutzen durch die Einführung der Pflegediagnosen, wurde von den Projektmitarbeitern der Klinik als großes Hindernis für ein Engagement der Station beschrieben. In der Erstvorstellung von Pflegediagnosen vor den beteiligten Mitarbeitern der Station wurden einerseits die zuvor beschriebenen Ängste und Vermutungen bestätigt, andererseits war eine überraschend hohe Bereitschaft im Team vorhanden, sich intensiv theoretisch mit dem Thema zu beschäftigen. Das konnten wir an den schon vorher persönlich eingeholten Informationen über Bücher und Fachzeitschriften erkennen. Auch die äußerst qualifiziert vorgebrachte konstruktive Kritik durch die Mitarbeiter ließ uns das erkennen. An diesem Punkt merkten wir auch, dass unsere vorhergegangene Literaturrecherche und unser eigenes Wissen über Pflegediagnosen nicht ausreichte, da uns der Brückenschlag zur Praxis fehlte. Um diesen gravierenden Fehler auszumerzen, kontaktierten wir Peter König, der Pflegedienstleitung der Tumorbiologie in Freiburg, der sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt.
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